Zur Relativität des Todes…
Jan 23rd, 2012 Posted in Afrika, Gesellschaft und Politik | no comment »Heavy stuff. Klingt wie der Titel einer wissenschaftlichen Abhandlung. Hat jedoch einen erschreckend aktuellen Bezug zur Praxis.
Jede Stunde informiert das Radio neu über den Fortschritt bei der Bergung von Passagieren des gekenterten Kreuzfahrtschiffes vor Italien. Auch wie viele Deutsche bisher noch vermisst werden, wissen wir Dank der Medien. Sind deutsche Tote etwa schlimmer als – sagen wir – italienische? Natürlich nicht. Ein Schelm, wer was anderes dabei denkt. Schließlich ist es ja der Auftrag der Medien, die Bevölkerung zu informieren. Sachlich und unabhängig.
Ja, der havarierte Luxusliner ist zweifelsohne ein mediales Großereignis. Es ist immer furchtbar, wenn viele Menschen bei einem Unglück zu Tode kommen. Und je tragischer und größer der Unfall, desto mehr mediale Aufmerksamkeit wird dem Ereignis zuteil. Es scheint, als generiere der Tod Quoten.
Dieses Mal hat es ein europäisches Schiff mit, zum Großteil, zahlenden Passagieren getroffen, die in Folge eines riskanten Manövers des Kapitäns ihr Leben lassen mussten. Nun reden wir hier aber von – wenn dies in dem Zusammenhang überhaupt angebracht ist – von lediglich einem Dutzend Vermisster oder Toter. Die schlimme Sache erhält wohl eher deshalb soviel Aufmerksamkeit, weil ein Kreuzfahrtschiff eher selten kentert, aufläuft oder Eisberge rammt und der Reiz des Besonderen eben auch in der Lage ist, für Quote zu sorgen.
Ein Blick an die afrikanische Ostküste offenbart jedoch, dass die Zahl der Toten allein nicht genügt, um einen Platz in den westlichen Medien zu erhalten. Dort, im kenianischen Flüchtlingslager Dadaab sterben täglich vermutlich mehr Menschen als diese Woche auf dem Kreuzfahrtschiff. Und das schon seit vielen Monaten. An Entkräftung, Unterernährung, Krankheiten. Darunter viele Babys und Kinder.
Die Katastrophe findet also weiterhin statt. Auch dann noch, wenn der Name des Schiffes längst vergessen sein wird, werden in Kenia (und es beschränkt sich beileibe nicht auf Kenia) weiterhin Eltern ihre Kinder verlieren. Die meisten Medien haben die Berichterstattung darüber längst eingestellt, die letzten Beitrage und Meldungen von und über die menschliche Tragödie unweit der somalischen Grenze stammen vom August vergangenen Jahres.
Sollte der Tod also tatsächlich für die vielzitierte Quote sorgen, warum richten die Medien ihren Fokus nicht erneut auf Ostafrika? Dann käme die Mitmenschlichkeit und das Mitleid auch mal wieder den Vielen zu Gute, die es so dringend benötigen.
