Singen Sieger so?

Ihr Sieg gestern Abend beim Eurovision Song Contest sei Lena gegönnt. Von ganzem Herzen. Sie konnte sich sichtlich über ihren Erfolg freuen und es machte auch noch Spaß, genau dem zuzuschauen. Schließlich wurde dem Mädel auch lange genug bescheinigt, wie toll es den ganzen Medienrummel — inmitten seiner Abizeit — gemeistert hat. Bravissimo.

Aber dass das Niveau genau dieses Auftrittes zum Sieg gereicht hat, verwundert wohl nicht nur mich.

Gegen das Stimmvolumen der Profis, wie das der für Georgien antretende Sofia Nizharadze oder Daniel Diges aus España, wirkte Lenas Stimme nervös kurzatmig (ja, ich weiß, die Aufregung) und — Sprechgesang hin oder her — etwas tonlos.  Blass und gänzlich in Schwarz gekleidet wie eine Gothikpuppe zappelte sie ein wenig in Teeniedisko-Tanzmanier auf der Bühne herum. Zwar mit Spaß aber eben auch mit Zappel.

Seltsam jedoch wirkte und wirkt immer noch Lenas völlig aus der Luft gegriffener Akzent. War sie jemals an dem Ort (ja, an welchem denn eigentlich?), dessen Fantasie-Akzent sie da versucht zu sprechen? Wer klingen will wie ein Bauarbeiter aus dem Dubliner Norden, der sollte auch dort schon gelebt haben.* Mag für deutsche Ohren ohne Auslandserfahrung zwar besonders cool klingen. Selbst englische Muttersprachler stufen ihre Sprechweise jedoch als unauthentisch und “unbritisch” ein. Wie gewollt und nicht gekonnt eben.

Beim diesjährigen Song Contest waren durchaus Künstler und Songs mit Potential vertreten. (Ich habe wirklich nur bei zweien kurz mal die Lautsprecher ausgedreht.) Das gibt mir zu denken. Sollte es wirklich reichen, mit einem eingängigen Liedchen, frech-natürlicher Art und Möchtegern-Native-Speaker-Attitüde ein wenig auf der Bühne zu tanzen? Hm.

*Kleine Anekdote am Rande: als wir im Dezember 2006 kurz vor Silvester in einem von Dublins Pubs saßen, wurden wir von einem Iren in ein Gespräch verwickelt. Als er erfuhr, woher wir kamen, sprach er plötzlich astreines Bayrisch mit uns! Wir waren baff. Er konnte kein Hochdeutsch, nur einen oberbayrischen Dialekt, den er sich — ganz ohne Sprachunterricht — im Umgang mit den anderen Arbeitern während seiner dreijährigen Zeit in einer bayrischen Fabrik aneignete.

This entry was posted on Sonntag, Mai 30th, 2010 at 21:43 and is filed under Musik, Persönlichkeiten. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

One comment

ksi:
 1 

Ja so singen sie. Hätte sie sonst gewonnen. ;-) Und wie heißt es so schön. Über Geschmack läßt sich streiten liebe Caro.

Mai 31st, 2010 at 09:46

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